Entrepreneur, Professor und Unternehmer Prof. Dr. Faltin gilt mit der Gründung der Teekampagne 1985 als Pionier des Direkten Handels in Deutschland. Wir hatten das Glück ihn auf einen Kaffee treffen zu können und ihm 5 Fragen über Direkten Handel und die Zukunft des Handels stellen zu dürfen.

  
 
  

Theresa und Prof. Dr. Faltin"Eine Konvention, die wir brechen müssen, ist zu glauben, wir bräuchten Wachstum."

Günter Faltin gründete 1985 die Projektwerkstatt GmbH mit der Idee der „Teekampagne”, die mittlerweile weltweiter Markftührer von Darjeeling-Tee ist. Seit 1977 arbeitet Faltin als Professor an der Freien Universität zu Berlin, wo er den Arbeitsbereich Entrepreneurship aufbaute.

1999 initiierte er das „Labor für Entrepreneurship“ und ist Business Angel erfolgreicher Start Ups. Seit 2013 lehrt er außerdem als Gastprofessor an der Universität Chiang Mai in Thailand. 2009 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Gründerpreis für seine außergewöhnliche Unternehmerleistung ausgezeichnet und erhielt den Award „For Bringing Entrepreneurial Vitality to Acadamy” von der Price-Babson-Foundation in Boston.

01 Sie gelten als Pionier des direkten Handels in Deutschland. Die Teekampagne haben Sie bereits im Jahr 1985 gegründet. Hat sich ihr Verständnis von direktem Handel seit der Gründung von vor fast 30 Jahren verändert?

Vor 30 Jahren war das noch etwas Besonderes, damals war es nicht einfach direkt zu importieren. Das Feld war damals noch besetzt vom Zwischenhandel und man musste lernen, wie man diesen am besten umgehen kann. Heute - mit Containern, preiswerter Telekommunikation und diversen anderen Komponenten - ist das sehr viel einfacher geworden. Ich finde, dass direkter Handel heute sehr viel mehr Menschen offen steht. Wir wollen ja einen Entrepreneurship in Deutschland schaffen, bei dem sich mehr Menschen beteiligen und nicht nur ein paar wenige. Dabei ist das Thema direkter Handel sehr brauchbar.

02 Wie stehen denn die Chancen für Entrepreneurship heute, die haben sich ja auch deutlich gewandelt?

Ja, das haben sie. Früher brauchte man wirklich Kapital. Auch heute glauben noch die meisten Menschen, dass man Kapital braucht – ein bisschen braucht man auch, aber lange nicht mehr so viel wie früher. Früher ging es um Stahlwerke, Banken, Versicherungen, das sind alles extrem kapitalintensive Sachen. Heute kann man mit relativ wenig Kapital im Internet - oder auch direktem Handel allgemein - gründen. Nach der Gründung der Teekampagne hatten wir 60 Tage Zeit, um unsere Rechnungen für den ersten Transport des Tees von Kalkutta nach Hamburg zu begleichen. So ein Schiff braucht circa einen Monat von Kalkutta nach Hamburg. Nach der Ankunft des Tees in Hamburg, hatten wir nur einen Monat Zeit den Tee zu verkaufen, bevor die erste große Rechnung fällig wurde.

Heute kann man, wenn man das ein bisschen geschickt angeht, mit sehr viel weniger Kapital gründen – das ist ein großer Vorteil. Der zweite Vorteil ist, es gibt viele Komponenten: wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, das heißt ich kann mir vieles holen. Ich muss nicht selber die Buchhaltung oder die Logistik durchführen – all das kann ich mir auch von außen holen und oft ist es sogar preiswerter. Und es ist ja auch so, dass man sich durch die Arbeitsteilung besser auf seine Kernkompetenz konzentrieren und dadurch viele Fehler vermeiden kann.

Meine Empfehlung: ein modernes Entrepreneurship nutzen und mit vielen Komponenten gründen. Dabei sollte man nicht so sehr dem Kapital hinterherlaufen, sondern sich im eigenen Bekanntenkreis umsehen – oder auch auf Crowdfunding zurückgreifen. Entrepreneurship ist sehr viel einfacher geworden und mehr Menschen zugänglicher als früher.

03 „Trade. Not Aid“ haben sie einmal geschrieben. Können Sie die Bedeutung dieses Satzes für uns nochmal näher erläutern?

Damals, vor 20 Jahren bekamen die Erzeuger von Rohwaren wie Tee, Kaffee, Reis usw. sehr wenig Geld - das ist heute nicht mehr durchgängig so. Früher bestand die Idee darin, den Erzeugern zu helfen - nicht helfen durch Spenden oder Subventionen, sondern indem man ihnen gute Preise für ihre Produkte gibt. Also Handel statt Hilfsleistungen, Handel statt Subventionen. Heute ist das wieder anders - die Teebauern in Indien haben ja auch sehr gut daran getan mit Teekampagne zu handeln, daher lässt es sich nicht mehr pauschal sagen, dass alle Teebauern in Indien arm sind. Die Bauern haben Vorteile, wenn sie ihre Produkte direkt an jemanden verkaufen können, der den Verbrauchern viel näher ist, als wenn sie es über den Zwischenhandel vertreiben. Wenn viel Zwischenhandel besteht, dann werden die Erzeuger in der Tendenz gedrückt, daher ist der Direkte Handel besser für die Bauern. Auch wenn sich die Bedingungen für die Bauern innerhalb der letzten 20 Jahre verbessert haben, ist es immernoch wichtig zu schauen, ob wir korrekt mit den Erzeugern umgehen und ob sie einen anständigen Preis für ihr Produkt erhalten.

04 Was muss eine intelligente Ökonomie Ihrer Meinung nach heute leisten, um als intelligent bezeichnet werden zu können?

Sie muss viele Gesichtspunkte haben. Sie hat beispielsweise nicht nur ökonomische Gesichtspunkte, sondern auch ökologische und selbstverständlich auch soziale Gesichtspunkte. Wie gehe ich mit den Erzeugern und den Kunden um? Und sind das sozial verträgliche Produkte? Eine gute Ökonomie geht über Ökonomie hinaus. Es gibt den Satz von Ralf Dahrenndorf: „Wer nur etwas von seinem Fach versteht, versteht auch davon nichts.“ Das ist ein kluger Satz. Ich muss als Ökonom ein bisschen mehr machen als Ökonomie, damit es intelligenter Handel ist und als zeitgemäße und intelligente Ökonomie bezeichnet werden kann.

05 Sie sagen, es ist gut und notwendig in der Ökonomie Konventionen zu brechen – was sehen Sie vor allem im Bezug auf Nachhaltiges Wirtschaften als nächsten Konventionsbruch – was meinen Sie, dürfen wir da zukünftig erwarten?

Wenn man nachhaltig wirtschaften will, heißt das doch, dass wir Wachstum eigentlich abschreiben müssen. Wachstum in kleinen Bereichen können wir uns schon noch leisten, zum Beispiel durch intelligentere Produkte, aber im Großen und Ganzen müssen wir vom Wachstum runter.

Eine Konvention, die wir brechen müssen, ist zu glauben wir bräuchten Wachstum. Aber sagen sie das mal den Politikern. Die gehen davon aus, dass wir um die Arbeitslosigkeit zu verringern, Arbeitsplätze schaffen müssen und deswegen Wachstum brauchen. Es ist ein Segen, dass wir durch technischen Fortschritt eine Freisetzung von monetärer Arbeit haben. Allerdings schafft es unsere Gesellschaft nicht, diesen Segen vernünftig zu verteilen. Stattdessen entsteht aus dem Segen ein Fluch von Arbeitslosigkeit. In der Menschheitsgeschichte hat man immer davon geträumt, dass irgendetwas kommt, eine Art Schlaraffenland, wo man nicht mehr den ganzen Tag hart arbeiten muss, sich nicht seine Gesundheit ruiniert und keine geringen Löhne für die Arbeit mehr bekommt. Heute haben wir ganz andere Probleme: Luxusprobleme. Ein Segen eigentlich, nur können wir nicht damit umgehen. Wir können mit der Verteilung dieses Segens nicht umgehen und retten uns auf Wachstum, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Dieser Wachstum ruiniert allerdings den Planeten.