Dr. Hans Rudolf Herren, einer der führenden Experten für nachhaltige Landwirtschaft, gewinnt den alternativen Nobelpreis für den Einsatz gegen Hunger und Armut auf unserem Planeten. Der Präsident der Stiftung Biovision ist der erste Schweizer, der mit dem seit 1980 verliehenen Preis ausgezeichnet wird.

 
  

Zürich, Ende November. Fabian trifft sich am Hauptsitz der Stiftung Biovision mit Herrn Hans Rudolf Herren, um über seine Arbeit mit Biovision und seine Erfahrungen in Äthiopien zu sprechen. Herausgekommen ist ein beeindruckendes, motivierendes und vor allem inspirierendes Gespräch über die Verhältnisse der Bauern und Bäuerinnen in Äthiopien, die Schwierigkeit der Messung von Social Impact und die Notwendigkeit eines Umdenkens in unserem Konsumverhalten.

Hans R. Herren hatte in den 80er Jahren mit seiner biologischen Bekämpfung eines verheerenden Insektenschädlings im Maniok Millionen von Menschen in Afrika vor dem Hungertod gerettet. 1995 wurde er dafür als erster und bisher einziger Schweizer mit dem Welternährungspreis ausgezeichnet. Im September dieses Jahres erhält er den Right Livelihood Award („Alternativer Nobelpreis“) für seinen Einsatz gegen Hunger und Armut auf unserem Planeten.

Coffee Cirlce Interview mit Hans R. Herren

  
  

1. Sie haben 27 Jahre in Afrika gelebt und gearbeitet. Wieso gerade Afrika?

(Schmunzelt) Es handelte sich um einen Zufall. Nach meinem Ph.D. in Berkeley wollte ich raus aus der Schweiz und Erfahrungen im Ausland sammeln. Zu diesem Zeitpunkt suchte das Institute of Tropical Agriculture in Nigeria einen Experten auf dem Gebiet der biologischen Schädlingsbekämpfung, sprich meinem Spezialgebiet. Ich startete meine Afrika-Odyssee also in einem Land, wo eigentlich niemand freiwillig hinwollte.

2. Mit Ihrer Stiftung Biovision arbeiten sie nach der sogenannten 4G-Strategie: Es werden Projekte umgesetzt, die die Gesundheit der (1) Menschen, (2) Pflanzen, (3) Tiere, (4) Umwelt sichern und verbessern sollen. Werden alle Ziele gleich behandelt oder kommen einzelnen Themen unterschiedlich hohe Mittel zu?

Nicht allen Zielen kommen gleichviel finanzielle Mittel zu. Das hat auch mit der „Attraktivität“ der Projektthemen zu tun. Im Gegensatz zur Generierung von Mitteln im Bereich Tiergesundheit, ist es einfacher Mittel für Projekte mit Bezug zu Pflanzenkrankheiten oder zur Humangesundheit zu erhalten. Beispielsweise ist Malaria ein allgegenwärtiges Thema, welches die Menschen sehr interessiert. Dort führten wir diverse Kampagnen durch und bekamen dementsprechend viel Unterstützung. Erfolgreich sind auch unsere Umweltprojekte. Dadurch, dass wir den Menschen vor Ort andere Einnahmequellen aufgezeigt haben, konnten wir u.a. Naturschutzgebiete retten.

3. Biovision leistet „Hilfe zur Selbsthilfe“-  wie setzen Sie diesen Ansatz konkret in Ihren Projekten um?

Wichtig ist es zu wissen, was die Menschen vor Ort benötigen. Um das herauszufinden, führt Biovision viele Gespräche vor Ort und zeigt aus der Diskussion heraus mögliche Szenarien auf. Welche Projekte schlussendlich Biovision vorgeschlagen werden, entscheiden die Menschen vor Ort selbst. So stellen wir sicher, dass die Projekte von „unten nach oben“ kommen und nicht umgekehrt. Weiter arbeiten wir eng mit dem Insektenforschungszentrum icipe in Nairobi zusammen, das die Menschen vor Ort mit Informationen und Hinweisen in ihrer Entscheidung unterstützt. Essentiell ist jedenfalls der direkte Kontakt zur Bevölkerung. So lernen wir die Problematiken aus erster Hand kennen und können Versuche und Vergleiche zur Lösungsfindung anstellen. Denn obwohl unsere Forschungsarbeit auch zur Lösungsfindung beiträgt, ist es wesentlich, dass auch die Bäuerinnen und Bauern selbst Szenarien testen, sich untereinander austauschen und uns Rückmeldung geben. Damit dieser Informationsfluss gewährleistet werden kann, haben wir das Farmer Communication Programm ins Leben gerufen.

4. Das Messen der Wirkung von Entwicklungsprojekten ist schwierig. Welche Instrumente setzt Biovision ein, um die umgesetzten Projekte zu evaluieren und deren Social bzw. Environmental Impact zu messen? 

(Überlegt) Das ist eine sehr schwierige Frage und Aufgabe. Und ganz vorweg, trotz vieler Debatten haben wir leider noch keine optimale Lösung gefunden. Natürlich können wir mittels Bestandsaufnahmen unseren Einfluss messen. Zum Beispiel wie viel die Leute verdienen, wie viele Kinder zur Schule gehen, welche Auflage unsere Organic Farmer Zeitung hat, wie viele Bioprodukte in den Läden in Addis Abeba angeboten werden usw.. Doch das übergeordnete Ziel ist klar, dass sich die Bevölkerung respektive die Bäuerinnen und Bauern gegenseitig und auch selbständig weiterbilden. Deshalb kontrollieren wir unter anderem, wie viel Land die von uns ausgebildeten Bäurinnen und Bauern bearbeiten, wie viele Leute sie aus- resp. weiterbilden, ob der nachhaltige Anbau gepflegt wird und ob allenfalls über andere Zweige das Einkommen gesteigert wird.

5. Wo sehen Sie die Grenzen Ihrer Handlungsmöglichkeiten? Ist nicht eigentlich ein politisches Umdenken und vor allem Handeln von Nöten, um die Lebenssituation der Menschen nachhaltig zu verbessern?

In der Tat: die Grenzen bestimmt schlussendlich die Politik bzw. die Landwirtschaftspolitik. Wenn diese sich für einen verstärkten Import von Dünger einsetzt, dann werden die Bäuerinnen und Bauern den Bio-Anbau mehrheitlich wieder vernachlässigen. Deshalb versuchen wir die Politik für einen nachhaltigen Kurswechsel in der Landwirtschaft zu begeistern, indem wir mit allen von der Landwirtschaft betroffenen Parteien an einem Tisch zusammensitzen und diskutieren. Das sind nebst Regierungsleuten, auch Personen aus den Bereichen Gesundheit, Ausbildung, Transport, auch Leute aus dem Privatsektor, Bauern (-Organisationen) und Entwicklungspartner anwesend. Wir bieten den Entscheidungsträgern keine fixfertige Lösung an, sondern mit einem hochkomplexen Systemmodell ein Werkzeug, mit welchem sie selbst verschiedene Szenarien durchspielen und quantifizieren können und visuell dann auch gleich die Konsequenzen für die einzelnen Sektoren über einen Zeitraum von bis zu 25 Jahren nachvollziehen können. Das Modell verbindet Umwelt (Wasser, Land, Biodiversität etc.) mit der Gesellschaft (Ausbildung, Gesundheit, Governance und Wirtschaft). Nebst dem Systemmodell ziehen wir natürlich auch Forschungsdaten bei. Schlussendlich aber ist die Umsetzung davon abhängig, wie langfristig eine Politik denkt. Dort sehe ich die Hauptproblematik. Es ist paradox, die Landwirtschaft könnte fast 50% vom Klimarisiko reduzieren. Das ist enorm. Nur begreift niemand, dass die Landwirtschaft nicht nur die Ursache fürs Klima, sondern gleichzeitig auch die Lösung sein könnte. Zumindest die Hälfte der Lösung.

6. Was machen Sie in Äthiopien, wo liegen die momentanen Schwerpunkte und wo sehen sie Probleme bei der Umsetzung?

Biovision ist seit 15 Jahren in Äthiopien, hat bereits einige Projekte umgesetzt und wird auch zukünftig stark in Äthiopien präsent sein, um Projekte nicht nur im Gemüseanbau, sondern auch im Früchte- und Kaffeeanbau voranzutreiben. Zurzeit sind wir sehr stark mit dem Kurswechsel Landwirtschaft beschäftigt. Auf der einen Seite helfen wir, wie schon gesagt, neue Politiken zu definieren auf der anderen Seite ist Biovision auch zum Teil in die Umsetzung involviert. Ein sehr wichtiges momentanes Thema ist die Informationsbeschaffung für die Bäuerinnen und Bauern in Äthiopien. Diesbezüglich haben wir eben auch in Äthiopien das Farmer Communication Programm aufgestellt, in Zusammenarbeit mit der Regierung und Partnern und deren bestehenden Informationsaustauschplattformen. Dort ist es wiederum eine stetige Herausforderung, sich an die kommunikationsspezifischen Gegebenheiten des Landes anzupassen. Während wir zum Beispiel in Kenia eine einzige Zeitung an die Bauern verteilen, können in Äthiopien 1) die wenigsten Bäuerinnen und Bauern lesen und 2) muss die Zeitung in diverse Sprachen übersetzt werden. Um also wichtige Botschaften an die Bäuerinnen und Bauern zu bringen und wiederum ein Maximum an Rückmeldungen und Anliegen zu empfangen und u.a. auch an die Forschung weiterzugeben, eignet sich in Äthiopien beispielsweise das Radio als sehr guten Kanal.

7. Sie haben die Vision, dass 2050 - bei einer erwarteten Weltbevölkerung von rund 9 Milliarden Menschen - jeder mit gesunder Nahrung versorgt werden kann. Das klingt ambitioniert. Warum sind Sie davon überzeugt, dass diese Vision auch Realität werden kann?

Diese Vision trifft ein, wenn der Norden und Länder wie z.B. Brasilien, Argentinien, Australien aufhören Grundnahrungsmittel in einer Art und Weise zu produzieren, welche nicht nachhaltig ist (Überproduktion) und so natürlich die Negativproduktion im Süden stark beeinflussen. Heute wird die Hälfte der Produktion wieder weggeworfen, d.h. es muss ein Umdenken stattfinden, weg von immer mehr wollen, hin zu Dinge besser und v.a. diverser machen. Anbaugebiete dürfen nicht nur mit einem Produkt bepflanzt werden, sondern gleichzeitig mit verschiedenen Produkten. In meinen Forschungsarbeiten habe ich aufgezeigt, dass wir die Erträge von Grundnahrungsmitteln sehr gut verdoppeln oder sogar verdreifachen können – biologisch und ohne jeglichen Dünger. Bei Bedarf können die Böden mit Phosphat angereichert werden. Wir müssen also eine Landwirtschaft aufbauen, welche sich „selbst ernährt“ und in welcher sich die Böden bei jedem Zyklus verbessern. Dafür müssen die Bäuerinnen und Bauern besser ausgebildet werden und mehr Informationen zu nachhaltiger Landwirtschaft erhalten.

Es steht ausser Frage, dass die Bauern vor Ort über viel Erfahrung und Erkenntnisse verfügen, aber diese Werte müssen mit neuen Methoden und Innovationen kombiniert werden. Biolandbau ist entgegen einer vielverbreiteten Meinung eine moderne Form von Landbau. Modern heisst nachhaltig. Dieser Kurswechsel muss unbedingt stattfinden. Leider sieht es im Moment nicht sehr rosig aus, dabei geht es geht um Freihandelsabkommen usw.. Und genau dort ist der wunde Punkt: der Preis. Solange die Menschen nicht bereit sind, den wahren Preis für gute nachhaltig produzierte Nahrungsmittel zu bezahlen, wird sich kaum etwas ändern. Der Konsument bestimmt durch seinen Kauf was, wie viel und zu welchem Preis produziert wird. Diese Rückkoppelung ist wichtig. Man kann nicht nur sagen, die Produktion muss von nicht-nachhaltig/hochproduktiv zu nachhaltig/produktiv stattfinden, sondern es muss ein Wandel passieren und diesen gibt es nur über den Konsumenten. Das wiederum braucht Zeit. Wie man das den Leuten klar machen soll, ist eine grosse Herausforderung. 

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