Nicht nur die Umwelt leidet unter den Konsequenzen einer industriellen Landwirtschaft. Auch die Aromenvielfalt ist durch Plantagenkaffees bedroht. Wir wollen daher zeigen, warum die Tradition der Waldkaffees uns besonders am Herzen liegt.

Äthiopien Waldgarten

 
  
  

Es klingt als sei es einem Märchenbuch entsprungen, bildet aber den Lebensquell unzähliger Kaffeebauern: hochgewachsene Korallenbäume spenden Schatten während vereinzelte Sonnenstrahlen den Baumkronen entweichen und die feucht-warme Waldluft durchschneiden. Munter schwirren farbenfrohe Waldsänger bei ihrer Auszeit vom Winter weitentfernter Länder. Diese Polykultur ist Heimat gemächlich wachsender Arabica-Pflanzen, die im Hochland Äthiopiens die volle Vielfalt der Kaffeearomen entfalten können. Ihre knackig-roten Kaffeekirschen warten geduldig auf die handverlesene Ernte lokaler Farmer, um schließlich den langen Weg zu uns anzutreten. Keine Maschinen oder Pestizide stören sie dabei. Solche Bilder können uns bei der ersehnten Tasse Kaffee an einem müden Morgen im Gedanken umschmeicheln.

Die Realität sieht leider oft anders aus

Mit einem weltweiten Kaffeekonsum von über 8 Millionen Tonnen im Jahr sind die Kapazitätsgrenzen traditioneller Methoden längst überschritten. Technisierte Kaffeeplantagen sind die momentane Lösung einer globalen Massenabfertigung. Deren anfällige Monokulturen sind nur durch den Einsatz von Dünger und chemischer Schutzmittel wie Pestizide und Herbizide überlebensfähig. Zudem verschleiern Etiketten in den Supermarktregalen die Herkunft der Bohnen bis zur absoluten Unkenntlichkeit.

Dagegen strebt ein Trend von Konsumenten, die an den bewussten Kaffeegenuss appellieren. Im Einkaufskorb landen vermehrt hochwertige Bohnen aus gekennzeichneten Anbauregionen, so wie es beispielsweise für gute Weine selbstverständlich ist.

Äthiopien - das Ursprungsland des Kaffees

KaffeeernteVulkanische Böden, milde Hochebenen und frostfreies Klima bieten die optimalen Anbaubedingungen der Arabica-Pflanze - weshalb Äthiopien auch das einzige Land wilder Kaffeepflanzen ist. Die Regionen Illubabor, Gamu-Gofa, Sidamo und im Besonderen Kaffa, beheimaten auch heute noch die genetischen Ahnen der globalen Arabica-Population.

Schatten von 35 bis 65% ist ideal für die sonnensensiblen Arabica-Bäume. Die Schattenlage ähnelt dem Effekt der kühlen Hochlandgebiete, wodurch das Wachstum entschleunigt wird und somit ein Maximum an Aromen in der begehrten Bohne Entfaltung findet. Die Entwicklung der fruchtigen Note und einer angenehmen Süße im Kaffee erfordert Geduld. Doch Waldkaffees stehen nicht nur für eine besondere Gaumenfreude, sondern sind darüber hinaus auch für die Umwelt von großer Bedeutung. Flora und Fauna profitieren gleichermaßen von diesem schonenden Umgang mit der Natur. In Äthiopien zum Beispiel nahmen in den letzten dreißig Jahren dramatische Entwicklungen ihren Lauf - von einem Drittel der Landesfläche schrumpfte der Regenwald auf bedenkliche drei Prozent. Die Rodung und Verbrennung von Waldflächen ist heutzutage für 16% der Treibhausgase verantwortlich - das ist mehr als der kombinierte Ausstoß des Landtransportes. Auch die Qualität von Wasser und Böden leidet enorm unter der industriellen Landwirtschaft, wodurch diese Form des Anbaus langfristig nicht tragbar ist.

Abzugrenzen sind verschiedene Stufen der Biodiversität. Am hochwertigsten ist “Rusticano” anzusehen, was die Einbettung von Kaffeepflanzen in bestehende Wälder bezeichnet. Dies garantiert ein Maximum an ausgewogener Artenvielfalt. Alternativ werden künstlich angelegte Kaffeefarmen mit mehr oder weniger Pflanzenarten angereichert. Im Extrem wird vollkommen auf schattenspendende Bäume und Sträucher verzichtet. Diese Anbauart ist unglücklicherweise im Vormarsch durch den hohen Druck des Marktes große Mengen des Rohkaffees zu ernten. Waldkaffees liefern im Vergleich dazu leider nur ein Drittel des Ertrags industrieller Plantagen. Doch die Kultivierung von Kaffeepflanzen inmitten anderer ertragreicher Pflanzen wie Orangen oder Avocados schafft Anreize für den Erhalt artenreicher Biotope.


Der Vogel als Freund der Farmer

Der Vogel als Freund der FarmerDer Regenwald ist als Unterschlupf überwinternder Vögel unersetzlich. Diese befreien die Pflanzen ganz natürlich von zahlreichen Schädlingen und ermöglichen auf diese Weise den Verzicht auf giftige Chemie. Ein Experiment auf jamaikanischen Anbauflächen veranschaulicht die heutige Problematik. Nach dem versuchsweisen Ausschluss von Vögeln stieg die Zahl der Kaffeebeerenkäfer um bis zu 70% an. Um die Ernte vor den Schädlingen zu retten müssen die Farmer zum Leid der Umwelt auf Pestizide zurückgreifen. Zudem ist Artenvielfalt ein wichtiger Faktor bei der Bestäubung der Pflanzen, was einen profitablen Anstieg der Fülle an Früchten bedeuten kann. Die Anzahl verschiedener Vogelarten beläuft sich auf ein Vielfaches verglichen mit sonnenverbrannten Plantagen, da Bäume, Blumen und Insekten den notwendigen Schutz und ausreichend Nahrung liefern. Die Bedrohung zahlreicher Arten durch systematische Rodung der Regelwaldflächen ist selbst in Länder von über 2000 km Entfernung noch zu spüren.

Ein neues Bewusstsein entsteht

Projekte wie das CoCE  („Conservation and use of wild populations of Coffea arabica“) der Universität Bonn unterstützen und fördern den Erhalt von Waldgärten. Ihr Ziel ist es, die wilde Arabica-Population der bewaldeten Bergregionen Äthiopiens vor dem Verschwinden zu bewahren. Erreicht werden soll dies mithilfe von Schutzzonen in denen entweder eingeschränkt oder gar kein Eingriff gewährt wird. Zusätzlich wird eine umfangreiche Gen-Datenbank der wilden Kaffeepflanzen angelegt und intensiv Aufklärung über die Problemlage betroffener Regenwälder betrieben. Seit 2002 versucht das Forschungsprojekt gegen den Verlust der unersetzlichen Wildkaffees Äthiopiens anzukämpfen.

Als Konsument kann man seinen Beitrag für ein nachhaltiges Wirtschaften leisten, indem eine bewusste Wahl über Herkunft und Art des Anbaus getroffen wird. Somit kann ein schonender Anbau unterstützt werden, der in seiner Vielfalt als Lebensgrundlage der meist von Armut geprägten  Regionen dient. Damit kann der morgendliche Kaffee mit gutem Gewissen und besonders reichhaltigen Aromen genossen werden.
Martin begutachtet Kaffeekirschen