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Guatemala Origin

Guatemala: Einzigartiges Herkunftsland mit buntem Portfolio

Wenn du einmal in Äthiopien und Kenia warst und anschließend deinen Freund:innen davon erzählst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie gleich fragen, ob du dort auch guten Kaffee getrunken hast. Schließlich sind Äthiopien und Kenia als Länder des Kaffeeanbaus renommiert. Guatemala wird in der breiten Öffentlichkeit nicht unmittelbar mit der Bohne in Verbindung gebracht – dabei ist das Land eine der Top 10 Exportnationen für Kaffee.

Tatsächlich gibt es in Bezug auf Kaffee viel zu entdecken in Guatemala selbst und in seiner Geschichte. Guatemala bietet durch die Beschaffenheit des reichhaltigen Bodens und der Witterungsverhältnisse ein schillerndes Kaleidoskop an Aromen, die für jeden etwas bieten. Das macht das südamerikanische Gebiet für Liebhaber:innen des Getränks natürlich besonders spannend. Mit dem Francisco Lopez und dem Jesus Cardona nehmen wir Ende 2021 gleich zwei Limited Editions aus Guatemala auf.

Blut und Bohnen

Die Kaffeekultur lässt sich bis zur Tradition der Maya zurückverfolgen, die über Jahrhunderte in Guatemala siedelten. Doch die Geschichte des Landes ist eine blutige: In den 1520ern fielen die Spanier ein, besetzten das Land, rissen Gemeinden an sich, töteten, folterten und vergewaltigten die Mayas, die sie als ihre Knechte auserwählten. Erst drei Jahrhunderte später, 1821, konnte Guatemala seine Unabhängigkeit von Spanien erlangen.

Mit der Unabhängigkeit begann der Kaffeeexport. Die ersten Kaffeepflanzen hatten Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Weg nach Guatemala gefunden, doch es dauerte einige Jahre, bis sich die Bohnen als Getränk etablierten. Nicht zuletzt durch steuerliche Anreize der Regierung stieg die Kaffeeproduktion schließlich rasant an, auch wenn der Großteil der Bohnen innerhalb des eigenen Landes gehandelt und konsumiert wurde.

Der erste Export wird auf die 1850er Jahre datiert. Trotz dieser langen und bewegten Geschichte guatemaltekischen Kaffees werden die Regionen in Fachliteratur und Rezeptbüchern aber gerne als Ursprungsland übergangen. Wie kann das sein? Die Erklärung mag darin begründet liegen, dass sich guatemaltekischer Kaffee nicht einfach klassifizieren lässt. So divers sind die Beschaffenheiten der Regionen, dass die Geschmacksprofile sich stark voneinander unterscheiden.

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Diversität zeichnet aus

Nadine Rasch, Geschäftsführerin des Exportunternehmens Primavera Coffee in Guatemala City, erklärt die Komplexität der verschiedenen Profile: “Wir sind ein sehr kleines Land. Gleichzeitig ist unsere Topografie unglaublich vielfältig. Wir haben über 300 Mikroklimas. […] In Huehuetenango, im Nordwesten des Landes, erleben wir oft warme Luftströme. Gleichzeitig ist die Gegend sehr hoch und kühl. Das ist ein Aspekt, der den Kaffees eine ganz besondere Qualität verleiht. In Cobán wiederum regnet es immer und es ist sehr nebelig. Das ganze Land verfügt über viel vulkanische Erde. Es ist ein Land, das Kaffee für jeden Geschmack hat.”

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Das bedeutet, dass sowohl jemand bedient wird, der fruchtige Aromen bevorzugt als auch jemand, der eher blumige Noten oder sogar Schokolade mag. Guatemala verweigert sich als Ursprungsland jeder Verallgemeinerung und Klassifizierung. Dabei schien es gar nicht selbstverständlich, dass Kaffee einmal der Exportschlager #1 wird, dass heute knapp 125.000 Farmer:innen Kirschen ernten und damit 40 % des anbaufähigen Bodens nutzen.

Ursprünglich waren nämlich Indigo und echtes Karmin die Produkte, die einen Großteil des Bruttoinlandsproduktes ausmachten und vor allem in Europa gefragt waren. Allerdings wurden diese natürlichen Färbemittel im 19. Jahrhundert von Industrienationen durch chemische ersetzt. Die Wirtschaft Guatemalas brach ein, erholte sich erst, als der Kaffeeexport anzog. Indigo und Karmin wurden von Kaffee abgelöst und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich Guatemala weltweit einen Namen für seinen vielfältigen, qualitativ hochwertigen Kaffee gemacht.

Ungewöhnliche Strategie

Da war es nur logisch, einen eigenen Verband ins Leben zu rufen, der den Kaffeeanbau und die -produktion in Guatemala schützt und bewirbt. 1960 wurde daher Anacafé gegründet, die Guatemalan National Coffee Association. Diese machte es sich zur Aufgabe, die Wettbewerbsfähigkeit des Landes in Bezug auf die Kaffeeproduktion auf dem internationalen Markt zu gewährleisten. Nadine Rasch erläutert: “Wir konnten nicht mit Brasilien oder Vietnam mithalten, weil wir viel zu klein sind. Entweder wir überzeugen mit Qualität oder wir verlieren. So entstand die Strategie, Kaffee in höheren Lagen anzubauen. Jeder Farmer, der unter 800 Metern angesiedelt war, wurde dazu ermutigt, etwas anderes anzubauen. Eine Farm meines Vaters liegt auf ca. 900 Metern. Er baut jetzt Gummi an. Es war im nationalen Interesse, Kaffee von höherer Qualität zu ernten.”

So geschah es, dass mehr und mehr Farmen in höheren Regionen entstanden und zahlreiche ehemalige Kaffeefarmen auf einer Höhe von unter 800 Metern mittlerweile Kakao, Palmöl oder Gummi anbauen. Die meisten Farmen, die sich der Anpassung verweigerten, waren nicht länger konkurrenzfähig und mussten Bankrott anmelden. Mittlerweile existieren in Guatemala nur noch wenige auf einer Höhe von unter 800 Metern. Die Hoffnung von Anacafé: Durch die Beschaffenheit des Bodens, der darin enthaltenen Mineralien und der Witterungsbedingungen würde der in höheren Lagen angebaute Kaffee an Qualität gewinnen und sich zu höheren Preisen verkaufen lassen. Der Plan ging auf.

Für Exporteur:innen wie Nadine hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dadurch einiges geändert: Guatemaltekischer Kaffee ist auf dem Weltmarkt noch populärer geworden, wird höher gehandelt als die meisten anderen südamerikanischen Kaffees (mit Ausnahme von brasilianischen). Heute ist Kaffee das landwirtschaftliche Produkt, das die meisten Arbeitsplätze schafft. Pro Jahr entstehen davon eine halbe Million. 2019/2020 hat Guatemala 3,6 Millionen 60 kg-Säcke Kaffee exportiert. Im Vergleich: Brasilien hat 2019 knapp 50 Millionen 60 kg-Säcke exportiert. Guatemala zählt knapp 17 Millionen Einwohner auf einer Gesamtfläche von 109.000 Quadratkilometer, Brasilien 213 Millionen auf einer Gesamtfläche von 8.516.000 Quadratkilometer. Guatemalas Zahlen sind beachtlich.

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Interview mit Nadine Rasch

In diesem Video führt Stephan Eicke (Content Creator bei Coffee Circle) ein Interview mit Nadine Rasch (Gründerin und Leiterin von Primavera Coffee) von denen wir unsere Weihnachtskaffees Jesus Cardona und Francisco Lopez beziehen.
Mit Nadine sprechen wir nicht nur über die Qualität der beiden Produkte, sondern auch über Guatemala als Herkunftsland, seine schwierige Geschichte und die Herausforderungen, mit denen sich Farmer:innen und Exporteur:innen aufgrund von Covid-19, Klimawandel und Konkurrenzkampf konfrontiert sehen.

Paradies auf Erden

Einige der zahlreichen Regionen, in denen Kaffee angebaut wird, verdienen es, hervorgehoben zu werden: Das Acatenango Valley ist ein dichter, schattiger Wald, nahe am Fuego Vulkan gelegen, der regelmäßig Feuer und Asche spuckt und den harten Boden mit zahlreichen Mineralien versorgt. Die warme Luft vom Pazifik macht es den Farmer:innen einfach, ihren Kaffee hier unter der Sonne zu trocknen. Antigua ist die wohl bekannteste Kaffeeregion in Guatemala. Drei Vulkane umgeben das Gebiet, das sich durch wenig Regen, viel Sonne und kalte Nächte auszeichnet. Kaffees aus Antigua sind für ihren süßlichen, schokoladigen Geschmack bekannt, für eine hohe Qualität, die sie zu den teuersten in ganz Guatemala machen.

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Autor Mark Pendergrast pflückte Ende der 1990er Jahre auf der Oriflama-Farm in der Region San Marcos Kaffee, im Westen des Landes. In seinem Buch “Kaffee – Wie eine Bohne die Welt veränderte” (Edition Temmen, Bremen 2001) schildert er eindrücklich das Paradies, das ihn umgibt: “Die Farm ist beinahe unerträglich schön: bedeckt von den grünen, glänzenden Blättern der Kaffeebäume, mit prähistorischen Baumfarnen und Palmlinien entlang der Straßenseite (zum Schutz vor Erosion), sanft gewellten Hügeln, unsichtbaren Erntearbeitern, die singen und sich gegenseitig rufen, dem Gelächter von Kindern, Vogelzwitschern, über Berggipfeln wogenden Wolken, großen Schattenbäumen, die die Hänge sprenkeln, Quellen und Bächen.”

Unser Francisco Lopez Kaffee stammt aus der von Nadine Rasch erwähnten Huehuetenango-Region, wird auf 1.500 Metern angebaut. Der cremige Espresso schmeckt nach Tonkabohne und Schokolade und besteht zu 100 % aus Arabicabohnen, ebenso wie der Jesus Cardona, der ebenfalls aus Huehuetenango stammt und der perfekte Weihnachtskaffee ist: Mit seinen Aromen von Sternanis und Karamell sorgt der Duft allein für den festlichen Glanz in der Wohnung. Wenn du nun Lust bekommen hast, sofort die Koffer zu packen und nach Guatemala zu reisen: ein Ausflug in die Tasse ist der beste Start.

Ein Beitrag von Stephan Eicke
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