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Atemberaubende Natur

Klimawandel: Ist Kaffee bedroht?

Der Klimawandel wirkt sich auf jeden Bereich unseres Lebens aus. Auch auf den Kaffeeanbau, die -ernte und den
-verkauf, somit auf das gesamte Angebot. Müssen wir uns sorgen, dass wir bald eine Kaffeeknappheit erleben werden, die Bohnen aufgrund veränderter Witterungsbedingungen an Qualität verlieren, und Farmer:innen ihre Existenz verlieren? Wir sind diesen Fragen nachgegangen.

Am 9. August veröffentlichte der Weltklimarat eine Studie, die — Verzeihung für die Wortwahl — wie ein Feuer durch die Medien ging: Der Mensch ist hauptverantwortlich für die globale Erwärmung, die zunehmend zu Wetterextremen führen und unser Leben weiter erschweren wird. Seit Jahren warnt der US-amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky, die Erderwärmung sei noch vor einem Atomkrieg die größte Bedrohung für unsere Zivilisation. Schauen wir uns Wetterextreme der vergangenen Jahre an, ist es schwer zu widersprechen: Waldbrände in Schweden, Fluten im Ahrtal, Frost in Brasilien. Die Zahl der Klimaflüchtlinge — unter anderem aus Bangladesch — nimmt zu, da immer größere Teile ihrer Heimat durch den steigenden Meeresspiegel nicht länger bewohnbar sind. Die Waldbrände in Kalifornien schwelen mittlerweile ununterbrochen. Der Weltklimarat mahnt: Um eine Erderwärmung von 1,5 Grad-Celsius aufzuhalten, müssen Treibhausgas-Emissionen sofort und drastisch reduziert werden. Die Uhr tickt, die Zeit läuft uns davon.

Klimatische Bedingungen verändern sich

Ende September 2021 wurde eine neue Studie zu global steigenden Kaffeepreisen vorgelegt. Diese seien unmittelbar auf sich verändernde klimatische Bedingungen zurückzuführen: Überraschend war es in Brasilien im Juli zu Frost gekommen, der große Teile der Kaffeeernte ruiniert hatte. Aufgrund des geringen Angebots mussten die Preise erhöht werden. Laut Studie wird erwartet, dass der globale Kaffeepreis unter anderem wegen genannter, klimatisch bedingter Ausfälle in diesem Jahr um $4,44 pro Kilo steigen wird. Für Kaffeefarmer:innen, Exporteur:innen, Importeur:innen und Röster:innen kommt das nicht überraschend, ebenso wenig wie für Wissenschaftler:innen, die sich entweder mit den Themen Kaffee oder Klima auseinandersetzen. Kaffee ist, ähnlich wie Schokolade und Wein, ein besonders empfindliches Rohprodukt, das nur unter bestimmten Bedingungen wachsen kann.

Wie wir hier zusammengefasst haben, ist für den Kaffeeanbau die Zusammensetzung des Bodens, die Sonnen- und Niederschlagsmenge während der Reifezeit entscheidend. Für die Pflanzen ist ein ausgeglichenes Klima ohne extreme Hitze, mit ausreichend Niederschlag und viel Schatten unabdingbar. Arabicapflanzen beispielsweise wachsen am besten bei einer Durchschnittstemperatur zwischen 18 und 22 °C in über 900 Metern Höhe. Zwar können sie auch in kühleren Höhenlagen gedeihen und dadurch sogar ausgeprägtere Aromen entwickeln, doch die Reifezeit ist in derartigen Gebieten bedeutend länger. Die oben genannten Werte zeigen, wie empfindlich Kaffeepflanzen sind, und entsprechend wie bedrohlich klimatische Veränderungen sein können, auch weil sie Pilze und andere Krankheiten mit sich bringen.

Planung wird erschwert

Die Warnung, dass der Klimawandel vor allem für Arabicabohnen eine nicht zu unterschätzende Bedrohung darstellt, ist indes nicht neu. Bereits 2012 warnte ein Team von Wissenschaftler:innen aus dem Vereinigten Königreich und Äthiopien davor, dass die globale Erwärmung der Produktion von Kaffee weltweit erheblichen Schaden hinzufügen wird. Gerade Arabicabohnen — die immerhin 70 % der Produktion ausmachen — sind nicht flexibel genug, um Bedrohungen wie verlängerten Dürre- oder verstärkten Regenperioden standhalten zu können; von damit einhergehenden Krankheiten ganz abgesehen. Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Kaffeeernte und damit auch den Export und Verkauf haben wir bei Coffee Circle 2021 zu spüren bekommen, wie unser Röster Hannes ausführt:

Traditionelle Regenperioden gehören der Vergangenheit an

Stephan Eicke: Hannes, sind Klimawandel und die damit einhergehenden Sorgen ein Thema, das regelmäßig von den Kaffeefarmer:innen angesprochen wird, wenn du mit ihnen in Kontakt bist?
Hannes Fendrich: Ja, absolut. Es ist auch ein Standard geworden, dass dieses Jahr nichts war wie sonst: Die Regenfälle kamen zu früh, zu spät, es gab zu wenig Regen, zu viel. Kaffeefarmer:innen berichten auch, dass es zu viel Sonne gab, als der Kaffee getrocknet werden musste, wieder andere berichten von zu viel Regen. Nehmen wir das Beispiel Äthiopien: Dort gibt — oder gab — es eine “rainy season” und eine “dry season”. In der “dry season” reifen die Kirschen, um süß zu werden. Dann kannst du sie draußen trocknen. Bislang war es immer eine Ausnahme, dass es während der “dry season” mal geregnet hat. Mittlerweile kann man damit aber gar nicht mehr kalkulieren. Man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass diese strengen Perioden eingehalten werden. Das erschwert die ganze Planung, weil du entsprechend anderes Equipment benötigst, um weiterhin gleichwertige, hohe Qualität zu produzieren. Genauso kann es sein, dass der Kaffee zu schnell trocknet, weil die Hitze stärker ist, als sie es im Idealfall sein sollte. Der Rohkaffee kann dann schnell verfallen.

Wie katastrophal die Folgen für Kaffeefarmer:innen sind, muss nicht extra betont werden. Gerade Kooperativen und eigenständige Farmer:innen, die Spezialitätenkaffee ernten, haben oft nicht die Möglichkeit, in höhere Anbaugebiete umzusiedeln oder sich neues Equipment zu kaufen, dass ihre Ernte vor den Auswirkungen des Klimawandels besser schützt. Existenzen werden verloren gehen, die Wirtschaft ganzer Länder wird leiden.

Du hast Äthiopien angesprochen – wie sieht es aktuell in Brasilien aus, einem Land, das mit Frost im Juli zu kämpfen hatte?
Aufgrund des Frosts in Brasilien, der zunehmend extremen Temperaturen, steigen die Kaffeepreise. Im letzten Jahr gab es nur geringen Niederschlag. Brasilien hat nur eine kleine Ernte, was den Weltmarktpreis in die Höhe schießen lässt. Jede Rösterei hat das gemerkt, auch wir. Alle Kontakte, die wir jetzt erstellen, sind deutlich teurer als zuvor. Das ist konkret auf den Frost zurückzuführen. Bislang hatte sich die Prognose, dass die Nachfrage höher ist als das Angebot, auf dem Markt noch nicht widergespiegelt – bis jetzt. Die entscheidende Frage, deren Antwort noch niemand weiß, ist, ob das Angebot und damit der Preis jemals wieder zurückgeht, so bleibt oder weiter steigt. Für die nächsten zwei bis drei Jahre wird die Lage noch angespannt bleiben, da die Pflanzen so lange brauchen, um sich zu erholen.

Traust du dich, in die Zukunft zu schauen?
Die Nachfrage steigt vor allem zunehmend durch Schwellenländer, die zunehmend Kaffee trinken. Werden wir in ein paar Jahren ein Defizit haben? Ich glaube niemand weiß, wie es in 20, 30 oder 40 Jahren aussehen wird, aber ich denke, es wird herausfordernd, den Bedarf zu decken. Wir merken auch, dass sich einige Geschmacksprofile verändern, gerade in äthiopischen “natural” Arabicabohnen, die noch vor einigen Jahren stark nach Blaubeere schmeckten. Mittlerweile schmecken sie eher nach roten Früchten; nach Erdbeere und Himbeere. Es ist noch nicht klar auf veränderte Witterungsbedingungen zurückzuführen. Ich halte es aber für wahrscheinlich, da wir zunehmend in verschiedenen Ursprüngen merken, wie sich Geschmacksprofile verändern. Bislang ist es eine Theorie.

Kaffeepflanze Brasilien Santuario Sul

100 % Arabica

Ganze Regionen sind bedroht

Die Unberechenbarkeit der klimatischen Bedingungen und damit der Witterungsbedingungen macht nicht nur den Kaffeefarmer:innen in Brasilien zu schaffen. Das Land wird jedoch aufgrund des ungewöhnlichen Frosts in diesem Juli und weiterer extremer Wettervorkomnisse, die Wissenschaftler:innen auf den Klimawandel zurückführen, besonders häufig als alarmierendes Beispiel genannt. Hinzu kommt, dass das Land laut mehrerer Messungen seit 2010 keine typische Regensaison mehr verzeichnen konnte. Brasilien ist jedoch keine Ausnahme. Eine weitere aktuelle Studie prophezeit, dass aufgrund der geringen Widerstandsfähigkeit von Arabica- als auch von Robustabohnen schon im Jahr 2050 die Hälfte aller Anbaugebiete unbrauchbar sein könnten.

Dem stimmt eine dem Kaffeeland Äthiopien gewidmete Studie des Potsdam Institute for Climate Impact Research zu, auch wenn sie den Kaffeefarmer:innen mehr Zeit einräumt: Bis in die 2090er könnten sich die zum Anbau geeigneten Gebiete noch vergrößern, allerdings warnt Hauptautor Abel Chemura: “Mehr ist nicht zwingend besser. Gleichzeitig wird nämlich wahrscheinlich das Areal für hochwertigen Spezialitätenkaffee schrumpfen, das blumigen, fruchtigen und würzigen Kaffee hervorbringt, wenn nichts gegen den Klimawandel getan wird.” Wenn es wärmer wird, reift die Kirsche schneller als sich die Bohne entwickeln kann, was wiederum zu einem Qualitätsverlust führt. Einige Gebiete sind dabei gefährdeter als andere. Mit besonders großer Sorge beobachten die Wissenschaftler:innen des Potsdam Institute for Climate Impact Research die Yirgacheffe-Region in Äthiopien: Hier steht zu befürchten, dass mehr als 40 % der Anbaufläche bis zum Ende des 21. Jahrhunderts nicht länger für den Kaffeeanbau nutzbar sein wird.

Reise nach Äthiopien
Yirgacheffe Filterkaffee Aromen Vanille und Schwarztee

Hoffnung in “vergessene” Varietät

Was also tun? Die meisten Studien haben lediglich Arabica- und Robustabohnen auf ihre Anpassungsfähigkeit untersucht. Allerdings gibt es insgesamt 124 Kaffeevarietäten — nicht nur zwei, auch wenn fast ausschließlich Arabica und Robusta den Weltmarkt bestimmen. Von diesen 124 Kaffeesorten sind 75 — also knapp 60 % — vom Aussterben bedroht, wie eine Studie unter der Leitung des Wissenschaftlers Aaron Davis ermittelt hat. 35 sind nicht bedroht, für 14 mangelte es an auswertbaren Daten. Die Autoren stimmen ihren Kollegen zu, dass Kaffee in den kommenden Jahren aufgrund des Klimawandels schwerer anzubauen sein wird. Allerdings setzt Aaron Davis seine Hoffnung in eine Kaffeesorte, die als vergessen galt: Stenophylla.

Die Bohnen wachsen in Westafrika, schmecken wie Arabica, sind aber resistenter gegenüber Hitze und Regen. In einem Interview mit der BBC fasste Davis zusammen: “Unsere Erwartungen waren ziemlich gering. Dann waren wir aber begeistert, dass der Kaffee fantastisch schmeckte. Er besitzt auch Eigenschaften, die mit Klimatoleranz zusammenhängen: [Stenophylla] wächst in wesentlich wärmeren Gebieten als Arabica.” Bislang galt Stenophylla außerhalb der Elfenbeinküste als ausgestorben, bevor es in Sierra Leone entdeckt wurde. Bei einem Geschmackstest konnten 80 % der Kaffeeexpert:innen den Unterschied zwischen Stenophylla und Arabica nicht herausschmecken.

Erste Stenophyllabohnen sind bereits gepflanzt worden, um zu beobachten, ob ihr Potential großflächig ausgeschöpft werden kann. Aaron Davis erwartet, dass Stenophylla in fünf bis sieben Jahren als Nischenkaffee käuflich erwerbbar sein wird, bevor er Arabica als Marktführer ablösen kann. Sollte das eintreffen, wäre dies ein wichtiger Schritt, um das Kaffeeangebot auf dem Weltmarkt trotz Klimawandels zu sichern. Die Folgen eines Einbruchs des Angebots wären nicht nur für uns als Konsumenten bedenklich. Für Kaffeefarmer:innen und die Wirtschaft ganzer Länder, vor allem Äthiopien, wären sie katastrophal.

Weitreichende Herausforderungen

Doch kann das wirklich die Lösung sein? Die Regionen für Kaffeeanbau auszuweiten und neue anzulegen würde vor allem durch Abholzung schwerwiegende, negative Folgen für die Umwelt haben. Wie oben angesprochen, würden sich viele bestehende Kooperativen und einzelne Kaffeefarmer:innen diese Umsiedlung auch finanziell nicht leisten können. Besonders Frauen sind betroffen: 20 bis 30 % der Kaffeefarmen werden von Frauen betrieben. Frauen machen 70 % der Arbeitskräfte auf Farmen aus. Aufgrund der mangelnden Stabilität und hohen Risiken des Kaffeeanbaus werden Farmer:innen meist keine Kredite gewährt. Erschwerend kommt hinzu, dass in einigen Regionen Frauen zwar Land nutzen, aber nicht rechtmäßig besitzen dürfen, wie im aktuellen Coffee Guide des International Trade Center betont wird.

Stattdessen setzen viele Farmer:innen auf den verstärkten Einsatz von Düngemitteln und anderen Chemikalien. Die Hoffnung ist, dass diese die Kirschen vor Pilzen und anderen Krankheiten schützen. Einzelne Kooperativen oder gar Länder sind hier machtlos. Es bedarf einer ganzen Gesellschaft, die globale Erwärmung zu entschleunigen. Das International Trade Center schlägt dazu einen dreigliedrigen Call to Action vor:

  • Emissionen auf null setzen
  • den natürlichen Kohlenstoffkreislauf anheben
  • Gleichheit für alle schaffen

Letzteres klingt einfacher, als gemacht, doch alle können einen Beitrag leisten. Stell zum Beispiel sicher, dass du deinen Kaffee aus Quellen kaufst, die Farmer:innen angemessen — überdurchschnittlich — entlohnt. So wird auch Farmer:innen ermöglicht, neues Equipment zu beschaffen, dass wiederum die energieaufwändige Verarbeitung des Kaffees minimiert. Du bist nicht machtlos. Und gemeinsam können wir noch viel bewegen.

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