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Der Rohkaffee

Bio-Zertifizierung für drei Kooperativen in Jimma, Äthiopien

Im Sommer 2013 konnten wir unser Bio-Zertifizierungsprojekt in Ilketunjo gemeinsam mit der staatlich anerkannten Kontrollstelle BCS Öko-Garantie umsetzen. Zwar wurden die Kaffees unserer Partnerkooperativen schon immer biologisch angebaut, da die Farmer:innen vollständig auf Pestizide und Herbizide verzichten. Wir dachten, dass die Kleinproduzenten durch eine offizielle Zertifizierung von höheren Verkaufseinnahmen pro Kilo profitieren können.

Nicht jedes Projekt war von Erfolg gekrönt. Die Bio-Zertifizierung der drei Kooperativen Ilketunjo, Doyo und Alaga Sekala war ein lehrreiches Unterfangen. Der Plan war simpel: Durch die offizielle Bio-Zertifizierung der EU können die Farmer:innen für jedes Kilo verkauften Kaffee eine Prämie erhalten. Die Kooperativen sollten dann bei Erfolg nach der ersten Ernte die Erneuerung der Zertifizierung in die eigenen Hände nehmen. Doch dazu kam es nie. Der Erfolg war nur von kurzer Dauer. Was war passiert?

In Kürze

  • Projektvolumen: 16.984 €
  • Umsetzungszeitraum: 2012-2014
  • Region: Ilketunjo, Doyo, Alaga Sekala in Jimma, Äthiopien
  • Kooperativen: Ilketunjo, Doyo, Alaga Sekala
  • Sorte: Limu
  • Begünstigte: ca. 10.808 Menschen (inkl. betroffener Haushalte)
Inspektion der Kaffeesträucher

Warum war dieses Projekt so wichtig?

Eines unserer großen Anliegen seit Gründung von Coffee Circle ist es, Farmer:innen in Herkunftsländern höhere Einnahmen für ihren Kaffee und somit steigende Löhne für sich und Erntehelfer:innen zu ermöglichen. Dies kann auf verschiedene Arten geschehen: durch Qualitätssteigerung, zum Beispiel, mit Hilfe von Training, Ausbildung oder Cupping Labs, wie wir sie etwa in der D.R. Kongo mit euren Spenden unterstützt haben. In den ersten Jahren von Coffee Circle erschien uns eine Bio-Zertifizierung sinnvoll für Kooperativen als zusätzliche Möglichkeit, Erträge und Löhne für die Farmer:innen zu steigern. Schließlich sind potentielle Käufer:innen gewillt, einen höheren Preis für Kaffee zu zahlen, wenn der Kaffee der jeweiligen Kooperativen mit einem offiziellen Bio-Siegel ausgezeichnet ist. Die Umsetzung und Entwicklung dieses Vorhabens war jedoch ernüchternd und eine wichtige Lehre.

Wie wurde dieses Projekt umgesetzt?

Für Coffee Circle war das Ergebnis ernüchternd.

Wie angedeutet gibt es mehrere Gründe, ein EU-Bio-Zertifikat zu beantragen. Zum einen werden Kooperativen dazu angehalten, weiterhin biologisch anzubauen, zum anderen können höhere Einnahmen erzielt werden. Erstgenannter Grund war hier nicht ausschlaggebend, denn die Kooperativen in Äthiopien bauen grundsätzlich Kaffee ohne Anwendung von Pestiziden und Herbiziden an. In den Regionen existieren keine Monokulturen, aber eine hohe Biodiversität, die die Chemikalien überflüssig machen. Sollte sich eine Kooperative doch zum Einsatz der Pestizide entscheiden, so sind diese in Äthiopien meist nicht lieferbar oder zu teuer. Die Aussicht auf höhere Einnahmen führte ´dazu, dass sich die Kooperativen entschlossen, das Bio-Siegel zu beantragen. Bei diesem Unterfangen haben wir sie unterstützt, dank eurer Spenden die 3.000 € pro Zertifizierung für die jeweilige Kooperative (insgesamt 9.000 € pro Jahr) gezahlt.

Dies bedeutete natürlich, dass auch wir als Kunde für das Bio-Siegel einen Aufpreis zahlen mussten. Unsere große Hoffnung war, dass andere Röstereien ebenfalls bereit sind, eine Prämie zu zahlen, um die Bohnen der Kooperative als zertifiziertes Bio-Produkt einkaufen und somit anbieten zu können. Für Coffee Circle Mitbegründer und Geschäftsführer Martin Elwert war das Ergebnis ernüchternd.

Martin

Stephan Eicke: Martin, wo lag der Fehler?
Martin Elwert: Unsere Hoffnung war natürlich, dass wir nicht die einzigen Kunden sind, die bio-zertifizierten Kaffee kaufen, sondern andere Röstereien auch. Dem war nicht so. Was man oft beim Thema Zertifizierungen vergisst: Welchen US-amerikanischen Röster:innen interessiert das EU Bio-Siegel? Amerikanische Röstereien brauchen das amerikanische Bio-Siegel. Auch Japaner:innen oder Koreaner:innen interessiert das EU-Siegel nicht.

Bio-Siegel ist nicht gleich Bio-Siegel?
Nein, es ist ähnlich wie beim Fair Trade Siegel. Es gibt dutzende Siegel für die verschiedenen Länder. Wenn eine Kooperative wirklich “zertifiziert” sein soll, bräuchte sie ein Dutzend Siegel. In Kolumbien beispielsweise gibt es sogar Zertifikate für “kosher” und “bird friendly”. Allein die initiale EU-Zertifizierung für eine Kooperative hat 3.000 Euro gekostet. Wir hatten das gezahlt, weil wir die Hoffnung hatten, dass es sich durch die Mehreinnahmen für die Farmer:innen rechnet. Diese Mehreinnahmen kamen aber nie, weil außer uns niemand bereit war, diesen Mehrpreis aufgrund des EU-Siegels zu zahlen. Du kannst deinen Kaffee nur mit dem Bio-Siegel verkaufen, wenn du eine:n Käufer:in findest, der bzw. die bereit ist, diesen Mehrpreis zu zahlen. Du kannst den gleichen Bio-Kaffee kaufen, aber ohne Siegel. Als Käufer:in zahlst du nur für den Aufkleber.

Hier haben wir für euch zusammengefasst, weshalb wir uns als Rösterei und Verkäufer gegen das Fair Trade System und für Direct Trade entschieden haben. Beim Bio-Siegel ist es ganz ähnlich: Nur durch direkte Zusammenarbeit mit Kooperativen und Farmer:innen können wir sicherstellen, dass der Kaffee biologisch angebaut wurde und die Beteiligten angemessen – weit über dem Weltmarktpreis – vergütet werden. Ein Siegel kann diese Garantie nicht leisten, weil eine Nachverfolgbarkeit trotz aller Garantien oft nicht möglich ist, wie Martin Elwert und seine Kollegen über mehrere Besuche in Äthiopien feststellen mussten. Denn das äthiopische Sprichwort “You never know how coffee travels overnight” kommt nicht von ungefähr: Gelegentlich werden nachts an Washing Stations LKW-Ladungen Kaffee abgeladen, deren Rückverfolgbarkeit nicht gewährleistet werden kann. “Wir haben noch etwas Schockierendes gelernt,” so Martin Elwert weiter: “Im März sprach ich beim Bio-Zertifizierer in Äthiopien vor, dem Ableger einer deutschen Zertifizierungsfirma. Ich wollte ein Angebot einholen für die Zertifizierung der kommenden Ernte. Aufgrund eines Missverständnisses wurden mir dann alle Zertifikate für die bereits vergangene Ernte zu einem Pauschalpreis angeboten.”

Kaffeekirschen in Äthiopien

Unsere Kaffees aus Äthiopien

Was hat sich verändert?

Wir zahlten für eine Verlängerung des Bio-Siegels, bevor sich die Kooperativen entschlossen, die Zertifizierung aufgrund des mangelnden Erfolgs nicht weiter fortzusetzen. Allerdings ist eine Bio-Zertifizierung – abhängig vom jeweiligen Land – nicht grundsätzlich schlecht. Gerade für Röstereien, die nicht vor Ort sein können oder ihre Käufe nicht in direktem Kontakt mit Kooperativen abwickeln, kann das EU Bio-Siegel eine zusätzliche Kontrollinstanz darstellen, indem Beauftragte der Zertifizierungsstelle zu den Kooperativen reisen und sicherstellen, dass die Anforderungen befolgt werden.

Wir haben andere Maßnahmen gefunden, Kooperativen und Farmer:innen bei der Steigerung von Profit und Löhnen zu unterstützen. In der D.R. Kongo haben wir mit der NGO Rikolto und der Kooperative Kawa Kabuya ein Cupping Lab errichtet, dass es den Farmer:innen ermöglicht, die Qualität ihres eigenen Kaffees einschätzen und verbessern zu können. So können Kaffees mit einem höheren Qualitätsniveau für einen besseren Preis verkauft werden und die gesamte Kooperative steigert ihre Einnahmen.

Ähnlich in Kenia: Dort haben wir in Zusammenarbeit mit der Kooperative Thiririka und der NGO TFM unter anderem mehrere Agrarwissenschaftler eingebunden, die Farmer:innen langfristig unterstützen. Im Bereich der Infrastrukturverbesserung wurden die Manager:innen der Washing Stations in Qualitätssteigerung für ihren Kaffee ausgebildet. Die Ndundu- und Kiganjo-Stations wurden gekachelt, ebenso die insgesamt zehn Fermentierungstanks. Für Ndundu wurden 20 Trockenstationen errichtet, für Kiganjo sogar 30. Maßnahmen wie diese haben sich als effizienter herausgestellt als die Beantragung von Bio-Siegeln allein.

Drying Beds in Doyo, Äthiopien
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